Wenn zwei im Regen stehen

Warum es trotz unterschiedlicher Wahrnehmung eine gemeinsame Realität gibt

Von Annika Grieb

Zwei Menschen stehen im Regen. Der eine friert und denkt an den vergessenen Schirm, die andere freut sich, weil ihr Garten das Wasser dringend braucht. Ihre Wahrnehmung des Regens könnte unterschiedlicher kaum sein. Und dennoch: Es regnet – unabhängig davon, wie die beiden das bewerten, ob sie es überhaupt bemerken oder sich einig sind, was es bedeutet.

Dieses einfache Bild markiert eine Unterscheidung, die im systemischen Coaching, in spirituellen Kreisen und in Teilen der Psychologie zunehmend verloren geht: die zwischen konstruierter Bedeutung und tatsächlicher Realität. Es gibt keine objektive Wahrheit im Sinne einer vollständig erkennbaren „Welt an sich“ – aber es gibt eine universelle Realität, die sich in geteilten Fakten und realen Konsequenzen zeigt, ganz gleich, wie unterschiedlich sie gedeutet werden.

Begriffe, die oft vermischt werden

Objektive Wahrheit bezeichnet eine Aussage, die unabhängig von jedem Beobachter gilt – der klassische philosophische Wahrheitsbegriff. Universelle Realität meint etwas Bescheideneres, aber Robusteres: Fakten und Konsequenzen, die für alle Beteiligten gelten, unabhängig von ihrer jeweiligen Interpretation. Wenn eine Person eine andere verletzt, hat das reale Folgen – unabhängig davon, welche Geschichte sich die verletzende Person darüber erzählt.

Konstruktivismus tritt in zwei Varianten auf, die häufig durcheinandergeraten. Der radikale Konstruktivismus (von Glasersfeld, Maturana, Varela) besagt, dass Erkenntnis immer eine Konstruktion des Beobachters ist – es gibt keinen direkten, unvermittelten Zugriff auf die Welt. Der soziale Konstruktivismus (Berger, Luckmann) beschreibt, wie Realität durch soziale Prozesse hergestellt und legitimiert wird. Beide Ansätze sind erkenntnistheoretisch wertvoll – und beide werden in der Praxis oft überdehnt.

Warum sich diese Schieflage entwickelt hat

Der Konstruktivismus positionierte sich historisch als Gegenbewegung zum Positivismus und dessen Missbrauch absoluter Wahrheitsansprüche. Diese berechtigte Kritik kippte in vielen Anwendungsfeldern jedoch ins Gegenteil.

Im Coaching-Kontext liegt der Reiz auf der Hand: Der Satz „Du erschaffst deine Realität“ verkauft sich gut, weil er Autonomie und Kontrolle verspricht und unangenehme Konfrontationen mit Fakten vermeidet. In spirituellen Kreisen verschmilzt der epistemologische Konstruktivismus zusätzlich mit metaphysischen Vorstellungen – Manifestationslehren oder das „Gesetz der Anziehung“ machen aus einer Erkenntnistheorie eine Weltentstehungslehre. Und schließlich erlaubt die Vorstellung, jede Perspektive sei gleich gültig, eine bequeme Konfliktvermeidung: Wer sich nicht mit widersprechenden Fakten auseinandersetzen muss, muss auch keine Verantwortung gegenüber anderen übernehmen.

Der entscheidende Fehler: epistemologisch versus ontologisch

Der Kern der Abdrift liegt in der Verwechslung zweier Ebenen. Epistemologisch korrekt ist die Aussage: „Ich habe nur konstruierten, interpretierten Zugang zur Welt.“ Ontologisch überzogen ist die Schlussfolgerung: „Es gibt keine Welt außerhalb meiner Konstruktion“ oder „alle Konstruktionen sind gleich gültig.“

Selbst Ernst von Glasersfeld, einer der Begründer des radikalen Konstruktivismus, betonte das Kriterium der Viabilität: Konstruktionen müssen sich an der Realität bewähren. Nicht „alles geht“, sondern „manches funktioniert, manches nicht“. Genau dieses Korrektiv fällt in der populären Coaching-Version häufig weg. Aus „meine Deutung beeinflusst mein Erleben“ wird „Fakten sind verhandelbar“ – und daraus wiederum eine Verantwortungsdiffusion: „Das ist eben nur deine Wahrheit“ wird zum Freibrief, sich den Konsequenzen des eigenen Handelns zu entziehen.

Das Regenbeispiel macht diese Unterscheidung greifbar. Es lassen sich drei Ebenen trennen: eine ontologische (der Regen fällt – universell, nicht verhandelbar), eine phänomenologische (wie sich das Nasswerden anfühlt – subjektiv, verschieden) und eine interpretative (was der Regen bedeutet – konstruiert, kulturell und individuell geprägt). Problematisch wird es genau dann, wenn die dritte Ebene auf die erste durchschlägt – wenn aus „wir deuten den Regen unterschiedlich“ wird „ob es regnet, ist auch nur eine Frage der Deutung“. Unterschiedliche Wahrnehmung beweist eben keine unterschiedliche Realität – sie beweist nur, dass Wahrnehmung nie die Realität selbst ist, sondern ein Zugriff darauf.

Das gilt ausdrücklich auch für physiologische Unterschiede in der Wahrnehmung selbst. Sehen ist ein hochgradig konstruktiver Prozess – das Gehirn interpoliert, füllt Lücken, verarbeitet Wellenlängen zu Farbeindrücken. Eine Farbsinnstörung ist dabei kein „falsches“ Sehen, sondern eine andere neuronale Verarbeitung derselben physikalischen Ausgangslage; ob zwei Menschen exakt dasselbe Blau erleben, lässt sich ohnehin nie klären – das klassische Qualia-Problem der Bewusstseinsphilosophie. Diese Unentscheidbarkeit betrifft aber nur die subjektive Qualität des Erlebens, nicht die Existenz des Himmels: Dass er eine bestimmte physikalische Beschaffenheit hat, lässt sich messen und intersubjektiv reproduzieren, unabhängig davon, wie er erlebt wird. Variation in der Konstruktion ist also normale, gesunde Vielfalt innerhalb geteilter Realität – nicht ihr Gegenteil.

Warum diese Grenze mehr als eine akademische Frage ist

Die eigentliche Trennlinie verläuft woanders: Verliert eine Person vollständig den Bezug zur konsensuellen Realität – nimmt sie den Regen gar nicht mehr wahr, während er unbestreitbar fällt –, ist das kein Fall von Wahrnehmungsvielfalt mehr, sondern das, was die Psychopathologie als Verlust der Realitätsprüfung bezeichnet, ein zentrales Kriterium für Psychose. Nicht die Art der Wahrnehmung ist dabei entscheidend, sondern der Kontakt zur geteilten Realität selbst.

Diese Grenze ist keine akademische Feinheit. In Coaching-Ausbildungen und spirituellen Gemeinschaften mit starker Gruppendynamik kann eine entgrenzte Version des Konstruktivismus Menschen faktisch destabilisieren. Wer wiederholt hört, die „eigene Wahrheit“ stehe über widersprüchlichen Signalen von außen – sozialer Rückmeldung, Fakten, dem beobachtbaren Verhalten anderer –, dem wird die Fähigkeit zur Realitätsprüfung systematisch untergraben. In besonders stark hierarchisch oder um eine Leitungsfigur herum organisierten Kontexten kann das bis zu ernsthafter Realitätsentkopplung führen. Wer in solchen Systemen zunehmend infrage gestellt wird, sobald er oder sie Widerspruch äußert, gerät in eine paradoxe Lage: Der Ausstieg – eigentlich ein Akt intakter Realitätsprüfung – wird als persönliches Versagen oder mangelnde Reife zurückgespiegelt.

Dabei braucht es eine klare Verantwortungsverteilung. Klient:innen und Ausbildungsteilnehmende tragen in solchen Dynamiken in aller Regel die geringere Verantwortung – sie befinden sich in einer strukturell asymmetrischen Beziehung, oft in einer verletzlichen Lebensphase, und vertrauen der fachlichen oder spirituellen Autorität der anleitenden Person. Coaches und Leitungspersonen tragen naturgemäß mehr Verantwortung, weil sie die Rahmenbedingungen gestalten – das heißt aber nicht, sie pauschal als Täter zu behandeln. Oft sind sie selbst Teil eines Systems, das ihre eigene Selbsttäuschung begünstigt: Wer über Jahre in einem Milieu arbeitet, das Widerspruch als „Blockade“ oder „niedrige Schwingung“ umdeutet, kann die eigene Fähigkeit zur Realitätsprüfung ebenso verlieren wie die Menschen, die er oder sie begleitet. Genau hier berührt sich strukturelle Kritik mit klinischer Definition: Ein System, das jeden Widerspruch zur eigenen Weltsicht konsequent als Zeichen mangelnder Bereitschaft statt als mögliches Korrektiv behandelt, bewegt sich in Richtung eines Verlusts der Realitätsprüfung – auf beiden Seiten der Beziehung.

Wenn Eigenverantwortung strukturelle Probleme unsichtbar macht

Diese Verwischung hat eine konkrete gesellschaftliche Konsequenz: Strukturelle Probleme werden ausgeblendet, während die Eigenverantwortung überhöht wird – mit dem Ergebnis, dass sich am Ende genau das System reproduziert, das eigentlich überwunden werden sollte: Wenige profitieren, viele zahlen den Preis.

Das ist kein individuelles Wahrnehmungsproblem, sondern ein gut dokumentiertes strukturelles Muster. Eva Illouz zeigt in „Saving the Modern Soul“, wie sich Therapie- und Coaching-Sprache im Kapitalismus zu einem Vokabular entwickelt hat, das Leiden individualisiert und emotional bearbeitbar macht, statt es politisch oder strukturell zu verorten. Ulrich Bröckling beschreibt in „Das unternehmerische Selbst“ den Mechanismus, nach dem Menschen angehalten werden, sich selbst wie ein Unternehmen zu führen – Erfolg und Misserfolg werden vollständig der Selbstoptimierung zugeschrieben, während strukturelle Ursachen wie Armut, Diskriminierung oder Marktbedingungen aus dem Blick geraten. Barbara Ehrenreich hat in „Bright-sided“ am Beispiel der amerikanischen Positivitätsindustrie gezeigt, wie diese Logik so weit gehen kann, dass Betroffene am Ende selbst die Schuld an ihrem Scheitern tragen – eine Umkehrung, die das dahinterliegende System vor Kritik schützt.

Ein besonders anschauliches Fallbeispiel ist Network-Marketing, in dem auffällig viele Coaches aktiv sind. Strukturell gilt hier: Nur ein sehr kleiner Anteil der Teilnehmenden erzielt tatsächlich Gewinn, die überwiegende Mehrheit verliert Geld – ein Befund, der durch Einkommensoffenlegungen der Unternehmen selbst sowie unabhängige Untersuchungen wiederholt belegt wurde. Das Modell funktioniert nur, wenn genügend Menschen glauben, ihr ausbleibender Erfolg liege an mangelndem Einsatz oder falscher innerer Haltung – nicht an der mathematischen Struktur des Systems selbst. Coaching-Ideologie und Network-Marketing-Logik verstärken sich hier gegenseitig, weil beide dieselbe Prämisse brauchen: Erfolg sei eine reine Frage der inneren Einstellung. Genau diese Prämisse macht das strukturelle Ungleichgewicht unsichtbar.

Zurück zu einer gemeinsamen Verantwortung für eine gemeinsame Realität

Der Weg aus dieser Schieflage führt nicht zurück zu einem naiven Objektivismus, sondern zu einer klareren Unterscheidung. Perspektive und Fakt müssen getrennt werden: Wie ein Ereignis gedeutet wird, ist konstruiert und verhandelbar. Was tatsächlich geschehen ist, ist intersubjektiv überprüfbar. Der kritische Rationalismus Karl Poppers bietet hier ein brauchbares Korrektiv – keine absolute Gewissheit, aber Falsifizierbarkeit und Prüfbarkeit als gemeinsamer Boden. Jürgen Habermas‘ Diskursethik ergänzt das: Geteilte Wirklichkeit entsteht nicht durch beliebige Konstruktion, sondern durch Argumentation unter fairen Bedingungen – Konsens ist etwas grundlegend anderes als Beliebigkeit.

Für die Praxis in Coaching und Therapie bedeutet das, das Viabilitätskriterium ernst zu nehmen: nicht „glaub, was dir hilft“, sondern „prüfe, ob deine Konstruktion sich an der Realität bewährt“. Und es bedeutet, individuelle und strukturelle Verantwortung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beide anzuerkennen. Menschen haben Handlungsspielräume und tragen Verantwortung für ihre Deutungen und Reaktionen – das ist die legitime Seite der konstruktivistischen Einsicht. Aber diese Verantwortung endet dort, wo reale strukturelle Bedingungen beginnen, die sich nicht wegdenken lassen. Wer beides sauber unterscheidet, gewinnt etwas, das weder der naive Objektivismus noch der entgrenzte Konstruktivismus bieten: eine Realität, für die sich gemeinsam Verantwortung übernehmen lässt – gerade weil sie nicht von jedem Einzelnen frei erfunden werden kann.


Transparenzhinweis zur Entstehung dieses Textes: Die Kernthese, die Argumentationslinie und die Beispiele dieses Artikels stammen von Annika Grieb und wurden im Dialog mit Claude (Anthropic) entwickelt und geschärft. Claude hat dabei unterstützt, die Thesen zu strukturieren und in einen zusammenhängenden Fließtext zu bringen. Verantwortlich für die inhaltliche Position ist die Autorin.

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