Die vielleicht letzte Bastion des Patriarchats: Bleiben, weil man will
Über Geld, Abhängigkeit und die Freiheit, sich füreinander zu entscheiden
„Breaking down the patriarchy happens one relationship at a time.“
Terry Real
Das Patriarchat abzubauen, eine Beziehung nach der anderen: Der Gedanke des Familientherapeuten Terry Real verweist auf einen Ort, an dem gesellschaftlicher Wandel konkret wird. Nicht nur im Parlament, nicht nur in Gesetzen oder auf Demonstrationen, sondern zwischen zwei Menschen, die einander lieben, miteinander streiten, Verantwortung teilen und versuchen, ihr Leben gemeinsam zu organisieren.
Denn eine Gesellschaft verändert sich nicht automatisch dadurch, dass ihre Mitglieder Gleichberechtigung befürworten. Die entscheidende Frage ist, wie diese Gleichberechtigung im Alltag gelebt wird: Wer trifft Entscheidungen? Wessen Bedürfnisse bestimmen den Rhythmus des gemeinsamen Lebens? Wer übernimmt die unsichtbare Arbeit? Wer darf schwach sein, wer muss stark bleiben? Und wer kann es sich leisten, zu gehen?
Gerade die letzte Frage führt zu einem Bereich, über den in Liebesbeziehungen erstaunlich selten so grundsätzlich gesprochen wird, wie es notwendig wäre: Geld und Vermögen.
Doch bevor dieser Bereich in den Blick kommt, lohnt sich ein Blick auf die psychologische Architektur unserer Beziehungen. Denn die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen bestehen nicht allein aus äußeren Zwängen. Sie werden auch durch Erwartungen, Ängste und gegenseitige Bestätigungen aufrechterhalten – oft von Menschen, die sich ausdrücklich eine gleichberechtigte Partnerschaft wünschen.
Die Kollusion: Wenn zwei Menschen gemeinsam eine Illusion aufrechterhalten
Der Psychoanalytiker und Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer beschreibt mit dem Begriff der Kollusion ein Beziehungsmuster, in dem zwei Menschen unbewusst zusammenwirken, um einen gemeinsamen inneren Konflikt nicht lösen zu müssen. Beide tragen dazu bei, dass eine bestimmte Beziehungsordnung bestehen bleibt – gerade weil sie ihnen etwas gibt, das sie brauchen, und zugleich etwas erspart, das sie fürchten.
„Kollusionen sind häufig auch Ausdruck gesellschaftlich vorgegebener Konfliktmuster.“
Wolfgang Schmidbauer (2022, S. 109)
Damit wird ein entscheidender Punkt sichtbar: Beziehungsmuster entstehen nicht ausschließlich aus individuellen Erfahrungen. Sie sind auch Ausdruck gesellschaftlicher Vorstellungen davon, wie Menschen zu sein haben, welche Rollen sie einnehmen sollen und welche Bedürfnisse als legitim gelten.
In der traditionellen patriarchalischen Kollusion gilt der Mann als seelisch unabhängig und stark. Er muss die abhängige, schwache Frau schützen und anleiten. Was wie eine natürliche Ergänzung unterschiedlicher Eigenschaften erscheint, kann tatsächlich eine gemeinsame Abwehr sein: Beide vermeiden die Auseinandersetzung mit ihrer Trennungsangst, indem sie sich in einer Ordnung einrichten, die Abhängigkeit und Unabhängigkeit scheinbar eindeutig verteilt.
Der Mann braucht die Frau, die ihn braucht. Sie braucht den Mann, der gebraucht wird. Seine Stärke bestätigt ihre vermeintliche Schwäche, ihre Abhängigkeit bestätigt seine vermeintliche Unabhängigkeit.
Das Entscheidende daran: Eine solche Kollusion muss nicht bewusst vereinbart werden. Sie entsteht aus individuellen Verletzungen, biografischen Erfahrungen und gesellschaftlich vermittelten Erwartungen. Und sie kann sich selbst dann fortsetzen, wenn beide Beteiligten längst andere Überzeugungen vertreten.
Eine Frau kann beruflich erfolgreich, reflektiert und finanziell unabhängig sein und sich in ihrer Partnerschaft trotzdem dafür verantwortlich fühlen, dass es dem Mann emotional gut geht. Ein Mann kann sich ausdrücklich als Feminist verstehen und dennoch irritiert reagieren, wenn seine Partnerin eine Entscheidung trifft, für die sie seine Zustimmung nicht benötigt.
Das sind keine Beweise dafür, dass Menschen insgeheim das Patriarchat wollen. Es zeigt vielmehr, wie hartnäckig Beziehungsmuster sein können, die einmal Sicherheit versprochen haben.
Und genau deshalb lässt sie sich nicht allein durch gute Absichten auflösen.
Die modernen Varianten: Wer rettet hier eigentlich wen?
Die alten Rollenbilder sind nicht verschwunden. Sie haben sich teilweise modernisiert.
Heute kann ein Mann emotional zugewandt, fürsorglich und kommunikativ sein und dennoch die Vorstellung aufrechterhalten, dass er für die Stabilität der Beziehung verantwortlich sei. Eine Frau kann finanziell unabhängig sein und gleichzeitig die gesamte emotionale Organisation der Familie übernehmen. Beide können überzeugt sein, auf Augenhöhe zu leben, während sie sich in einer Dynamik bewegen, die ihre tatsächliche Gleichwertigkeit untergräbt.
Hier bietet die Transaktionsanalyse eine interessante Perspektive. Eric Berne beschrieb wiederkehrende Interaktionsmuster als psychologische Spiele: Begegnungen, in denen neben dem offen Gesagten verdeckte Botschaften wirken und vertraute, oft unbefriedigende Ergebnisse reproduziert werden. Stephen Karpman entwickelte daraus unter anderem das Drama-Dreieck mit den Positionen Opfer, Verfolger und Retter.
Auf Paarbeziehungen übertragen, lassen sich damit einige typische Dynamiken sichtbar machen.
Der Retter: Ein Partner übernimmt ungefragt Verantwortung, löst Probleme und trifft Entscheidungen, um den anderen zu schützen. Das kann liebevoll gemeint sein. Doch wenn Hilfe zur Voraussetzung dafür wird, sich gebraucht und wertvoll zu fühlen, entsteht eine Falle. Der Retter braucht jemanden, der gerettet werden muss. Selbstständigkeit des Gegenübers kann dann unbewusst als Zurückweisung erlebt werden.
Das Opfer: Ein Partner erlebt sich als ausgeliefert, überfordert oder nicht gesehen. Vielleicht stimmt das in bestimmten Situationen tatsächlich. Problematisch wird es, wenn die eigene Handlungsfähigkeit dauerhaft aus dem Blick gerät und der andere für das eigene Wohlbefinden verantwortlich gemacht wird.
Der Verfolger: Aus Fürsorge wird Kontrolle, aus Enttäuschung ein Vorwurf, aus Angst eine Forderung. Der Retter, der sich nicht ausreichend gewürdigt fühlt, kann zum Verfolger werden. Das vermeintliche Opfer kann seinerseits angreifen, sobald die angebotene Hilfe als Bevormundung erlebt wird.
Die Rollen wechseln. Wer gestern gerettet hat, fühlt sich heute ausgenutzt. Wer gestern abhängig war, wehrt sich heute gegen Kontrolle. Beide erleben sich möglicherweise als diejenigen, die zu viel geben und zu wenig zurückbekommen.
Das ist die entscheidende Frage, nicht die, wer in einer Beziehung grundsätzlich der Retter, das Opfer oder der Verfolger ist.
Dabei ist eine Unterscheidung unverzichtbar: Gegenseitige Beteiligung an einem Beziehungsmuster bedeutet nicht automatisch gleiche Verantwortung für Machtmissbrauch, Gewalt oder Kontrolle. Wer bedroht wird, ist nicht dafür verantwortlich, dass der andere Gewalt ausübt. Die Analyse von Kollusion darf strukturelle Machtunterschiede nicht verwischen.
Wo aber keine solche asymmetrische Gefährdung vorliegt, kann die Bereitschaft, die eigene Beteiligung zu erkennen, ein wichtiger Schritt aus festgefahrenen Beziehungsmustern sein.
Die Wunden des Patriarchats sitzen nicht nur bei Frauen
Wer über die Verletzungen spricht, die patriarchale Verhältnisse hinterlassen, denkt zunächst an Frauen: an eingeschränkte Selbstbestimmung, wirtschaftliche Abhängigkeit, ungleich verteilte Sorgearbeit, sexuelle Grenzüberschreitungen und die historische Abwertung weiblicher Autonomie.
Das ist notwendig. Doch eine Veränderung der Geschlechterverhältnisse verlangt auch, die Kosten der männlichen Rolle ernst zu nehmen.
Männer lernen häufig früh, dass sie leistungsfähig, kontrolliert und lösungsorientiert sein sollen. Bedürftigkeit wird leichter akzeptiert, wenn sie in ein Problem übersetzt werden kann, das sich beheben lässt. Angst, Scham, Hilflosigkeit und das Bedürfnis nach emotionaler Unterstützung passen weniger gut in das Bild des souveränen Mannes.
So entsteht ein Paradox: Ein Mann kann emotional von seiner Partnerin abhängig sein und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, diese Abhängigkeit als solche anzuerkennen. Er erlebt sich als unabhängig, weil er die Kontrolle über bestimmte Lebensbereiche besitzt. Seine Partnerin wiederum trägt möglicherweise die emotionale Arbeit, die diese vermeintliche Unabhängigkeit erst ermöglicht.
Das bedeutet nicht, dass Männer und Frauen gleichermaßen unter den gesellschaftlichen Folgen des Patriarchats leiden oder über dieselben Ressourcen verfügen. Die Folgen sind unterschiedlich verteilt. Aber auch eine privilegierte Position kann an eine Rolle gebunden sein, die persönliche Entwicklung begrenzt.
Günter Dux geht in Die Spur der Macht im Verhältnis der Geschlechter einen Schritt weiter zurück. Er untersucht die historische Entstehung geschlechtlicher Ungleichheit und fragt, wie Macht in die Organisation von Familie, Eigentum, Erbe und gesellschaftlicher Ordnung eingedrungen ist. Sein Ansatz widerspricht einer Erklärung, die den Gegensatz zwischen Männern und Frauen einfach aus biologischen oder vermeintlich unveränderlichen psychischen Unterschieden ableitet.
Das ist für die Betrachtung moderner Beziehungen entscheidend: Wenn Ungleichheit historisch hergestellt wurde, ist sie nicht einfach Natur. Sie kann sich in Institutionen, Eigentumsordnungen und Gewohnheiten verfestigen – und dadurch so selbstverständlich erscheinen, dass sie kaum noch als Machtverhältnis erkannt wird.
Die Geschichte muss nicht persönlich verursacht worden sein, um ihre Folgen weiterzutragen. Aber es lässt sich anfangen, sie in den eigenen Beziehungen zu erkennen.
Geld: Die Macht, die sich als Sicherheit tarnt
Es gibt einen Bereich, in dem sich die Frage nach Gleichberechtigung besonders konkret stellt: die Verteilung von Geld, Vermögen und wirtschaftlicher Sicherheit.
Solange beide Partner über vergleichbare Ressourcen verfügen, kann eine Beziehung vergleichsweise leicht als gleichberechtigt erscheinen. Doch was passiert, wenn eine Person beruflich zurücksteckt, um Kinder zu betreuen? Wenn eine Person das Haus besitzt, in dem die Familie lebt? Wenn ein Partner das höhere Einkommen erzielt, während der andere die unbezahlte Sorgearbeit übernimmt? Oder wenn die gemeinsame Lebensführung dazu geführt hat, dass einer von beiden kaum noch eigene Rücklagen besitzt?
Dann zeigt sich, dass Einkommen und Vermögen weit mehr sind als Zahlen auf einem Konto.
Geld bedeutet Handlungsspielraum. Es bedeutet, eine Wohnung finden, einen Rechtsanwalt bezahlen, eine berufliche Veränderung wagen oder eine Beziehung verlassen zu können, ohne unmittelbar in existenzielle Not zu geraten.
Wer Vermögen besitzt, hat deshalb nicht automatisch Macht über den anderen. Aber wer über die entscheidenden finanziellen Ressourcen verfügt, besitzt unter bestimmten Umständen auch einen größeren Einfluss darauf, welche Entscheidungen für beide überhaupt realistisch sind.
Und genau hier wird es interessant.
Über emotionale Gleichberechtigung wird inzwischen viel gesprochen. Mental Load, Care-Arbeit, Rollenbilder und gegenseitige Anerkennung sind Themen geworden. Doch bei Geld endet die Gleichberechtigung häufig dort, wo sie tatsächlich etwas kosten könnte.
Eine Frau reduziert ihre Arbeitszeit, weil die Familie es so organisiert. Der Mann baut währenddessen seine berufliche Position und seine Pensionsansprüche aus. Beide haben dieser Aufteilung vielleicht zugestimmt. Doch die langfristigen Folgen sind nicht gleich verteilt.
Ein Mann übernimmt den größeren Teil der finanziellen Versorgung und erlebt sich dadurch als besonders verantwortungsvoll. Seine Partnerin fühlt sich verpflichtet, diese Leistung durch Anpassung, Dankbarkeit oder zusätzliche unbezahlte Arbeit auszugleichen.
Ein Paar führt ein gemeinsames Konto, aber eine Person muss größere Ausgaben rechtfertigen. Eine andere verfügt über eigenes Vermögen, während die Partnerin oder der Partner finanziell kaum abgesichert ist. Vielleicht gibt es keine ausdrücklichen Verbote. Vielleicht fällt nie der Satz: „Ohne mich kannst du dir das nicht leisten.“
Und trotzdem kann eine Beziehung entstehen, in der eine Person mehr Freiheit hat, weil sie mehr Geld hat.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur, ob beide formal dieselben Rechte besitzen. Sie lautet, ob beide tatsächlich dieselben Möglichkeiten haben, ihre Bedürfnisse zu vertreten, Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen zu ziehen.
Die Kollusion der finanziellen Abhängigkeit
Auch finanzielle Abhängigkeit kann Teil einer Kollusion werden. Nicht unbedingt, weil jemand sie bewusst herstellt, sondern weil sie für beide Seiten eine psychologische Funktion erfüllt.
Man denke an eine Konstellation, in der ein Partner den Großteil des Geldes verdient und der andere den Großteil der Familienarbeit übernimmt.
Der verdienende Partner kann sich als Versorger erleben: Er trägt Verantwortung, sorgt für Sicherheit und ermöglicht den gemeinsamen Lebensstandard. Der betreuende Partner erlebt sich vielleicht als unverzichtbar für das Funktionieren der Familie. Beide haben eine wichtige Aufgabe, beide leisten etwas.
Schwierig wird es, wenn aus dieser Aufteilung eine Hierarchie entsteht.
Wenn derjenige, der Geld verdient, die Verwendung des Geldes als seine Entscheidung betrachtet. Wenn unbezahlte Sorgearbeit als persönliche Entscheidung behandelt wird, für die es keinen finanziellen Ausgleich braucht. Wenn der betreuende Partner zwar für das Wohl der Familie verantwortlich ist, aber nicht über vergleichbare wirtschaftliche Freiheit verfügt.
Dann lautet die unausgesprochene Vereinbarung womöglich: Ich sichere uns finanziell ab, und du kümmerst dich um alles andere. Dafür bist du von mir abhängig, und ich bin darauf angewiesen, dass du diese Abhängigkeit nicht grundsätzlich infrage stellst.
Das muss keine bewusste Absprache sein. Es kann eine Ordnung sein, die sich aus Gewohnheiten, Erwartungen und gegenseitigen Bedürfnissen entwickelt.
Und sie kann für beide Seiten unangenehm werden, sobald jemand etwas verändern möchte.
Will die betreuende Person wieder mehr arbeiten, kann das die bisherige Aufgabenverteilung infrage stellen. Will der verdienende Partner weniger arbeiten, kann das sein Selbstbild als Versorger erschüttern. Will jemand die Beziehung beenden, wird aus einer emotionalen Entscheidung plötzlich eine wirtschaftliche Frage.
Die Kollusion schützt dann nicht mehr nur vor Trennungsangst. Sie stabilisiert eine Lebensordnung, deren Veränderung für mindestens einen der Beteiligten erhebliche Kosten mit sich bringt.
Dabei wäre es zu einfach, jede traditionelle Aufteilung als patriarchale Kollusion zu bezeichnen. Menschen dürfen sich freiwillig für unterschiedliche Aufgaben entscheiden. Auch eine Person, die mehr verdient, darf sich finanzielle Sicherheit wünschen; auch eine Person, die Sorgearbeit übernimmt, kann diese Aufgabe bewusst wählen.
Die Frage ist vielmehr: Ist die Vereinbarung tatsächlich frei, verhandelbar und veränderbar? Sind beide wirtschaftlich abgesichert? Und kann jeder Nein sagen, ohne dadurch seine grundlegende Lebensgrundlage zu verlieren?
Die letzte Bastion: Was passiert, wenn wir wirklich gleichgestellt wären?
Ein Gedankenexperiment: Beide Partner verfügen über ein eigenes, ausreichendes Einkommen. Beide haben vergleichbare Rücklagen. Sorgearbeit wird fair verteilt und bei längeren beruflichen Unterbrechungen finanziell berücksichtigt. Vermögen, Wohnrechte und langfristige Absicherung sind transparent geregelt. Keiner muss befürchten, durch eine Trennung seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren.
Es gibt keinen finanziellen Hebel, mit dem einer den anderen zum Bleiben bewegen kann.
Wie würden unsere Beziehungen unter diesen Bedingungen aussehen?
Würden wir dieselben Kompromisse eingehen? Würden wir dieselben Aufgaben übernehmen? Würden wir uns genauso oft rechtfertigen, anpassen oder zurücknehmen?
Würden wir unseren Partner noch genauso dringend brauchen – oder würden wir ihn anders lieben?
Diese Fragen sollen nicht suggerieren, dass eine Beziehung nur dann echt ist, wenn niemand auf den anderen angewiesen ist. Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen Bindung, Unterstützung und Zugehörigkeit. Ein gemeinsames Leben bedeutet immer auch, sich aufeinander einzulassen und miteinander abhängig zu sein.
Doch es macht einen Unterschied, ob ich auf dich angewiesen bin, weil ich mein Leben mit dir teilen möchte, oder ob ich auf dich angewiesen bin, weil ich ohne dich meine Wohnung nicht bezahlen kann.
Es macht einen Unterschied, ob ich mich entscheide, eine Beziehung fortzuführen, oder ob ich bleibe, weil mir die wirtschaftlichen Möglichkeiten fehlen, sie zu verlassen.
Und es macht einen Unterschied, ob ich aus Verbundenheit Verantwortung übernehme oder ob ich mich verpflichtet fühle, weil mein Partner mich finanziell absichert.
In Gesprächen begegnen mir immer wieder Menschen – Männer wie Frauen –, die sich nicht trennen oder vor einer Trennung zurückschrecken, weil sie die finanziellen Folgen fürchten. Der Verlust des gemeinsamen Hauses, die Kosten zweier Haushalte, geringere Einkünfte, Unterhaltsfragen oder die Sorge um die wirtschaftliche Zukunft der Kinder sind keine eingebildeten Hindernisse. Sie können sehr real sein.
Wer diese Ängste ausschließlich als mangelnde emotionale Unabhängigkeit interpretiert, verkennt die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Beziehungen gelebt werden.
Nicht jede Person, die bleibt, möchte eigentlich gehen. Nicht jede Person, die sich abhängig fühlt, ist in einer unglücklichen Beziehung. Und nicht jede finanzielle Ungleichheit ist Ausdruck von Kontrolle.
Aber wenn Menschen gegen ihre eigenen Bedürfnisse in einer Beziehung verbleiben, weil sie sich die Alternative nicht leisten können, dann sollte nicht allein über ihre Bindungsmuster gesprochen werden. Es muss auch über die Verteilung von Ressourcen gesprochen werden.
Transaktionsanalyse im Alltag: Was wir einander schulden
Hier schließt sich der Kreis zur psychologischen Dynamik.
In der Transaktionsanalyse lässt sich fragen, aus welchem inneren Zustand heraus Menschen miteinander kommunizieren. Sprechen sie als Erwachsene miteinander, die ihre Bedürfnisse benennen und die Bedürfnisse des anderen ernst nehmen? Oder kommunizieren sie aus verinnerlichten Eltern- und Kindpositionen, in denen Regeln, Schuld, Trotz, Anpassung und Anerkennung eine größere Rolle spielen als die konkrete Situation?
Eine finanzielle Vereinbarung kann beispielsweise sachlich vernünftig sein und trotzdem emotional aufgeladen bleiben.
„Ich verdiene das Geld, also entscheide ich“ ist keine neutrale Aussage über die Herkunft des Einkommens. Sie verwandelt einen wirtschaftlichen Beitrag in einen Anspruch auf Autorität.
„Nach allem, was ich für dich aufgegeben habe, schuldest du mir das“ verwandelt eine frühere Entscheidung in eine moralische Verpflichtung für die Zukunft.
„Du könntest ohne mich gar nicht leben“ macht aus einer tatsächlichen Unterstützung ein Machtmittel.
Aber auch die umgekehrte Dynamik ist möglich: Ein Partner übernimmt aus Schuldgefühl dauerhaft die finanzielle Verantwortung, während der andere jede Auseinandersetzung mit den eigenen Möglichkeiten vermeidet. Beide können in einer Rollenverteilung gefangen sein, die sie zunehmend unzufrieden macht.
Der Ausweg besteht nicht darin, jede Form von Verpflichtung abzuschaffen. Gemeinsame Verantwortung ist ein wesentlicher Bestandteil von Beziehungen. Es geht vielmehr darum, zwischen Verantwortung und Herrschaft zu unterscheiden.
Eine erwachsene Beziehung muss aushalten können, dass beide Menschen eigene Interessen, Grenzen und Handlungsmöglichkeiten besitzen. Sie muss ermöglichen, Vereinbarungen neu zu verhandeln, ohne dass daraus automatisch ein Angriff auf die Beziehung wird.
Und sie muss die Möglichkeit ernst nehmen, dass der andere sich verändert.
Vielleicht möchte eine Partnerin nicht länger hauptsächlich betreuen. Vielleicht möchte ein Partner nicht mehr der alleinige Versorger sein. Vielleicht stellt einer fest, dass die bisherige Lebensform nicht mehr passt. Vielleicht entscheidet sich jemand gegen die Beziehung.
Das sind keine Beweise für Undankbarkeit oder mangelnde Bindungsfähigkeit. Es sind mögliche Konsequenzen menschlicher Entwicklung.
Wer Liebe mit Unveränderlichkeit verwechselt, muss Veränderungen als Bedrohung erleben. Wer Liebe dagegen als freiwillige Verbindung versteht, kann versuchen, Vereinbarungen zu schaffen, die Veränderung ermöglichen.
Das bedeutet nicht, dass jede Beziehung jede Veränderung überstehen muss. Es bedeutet, dass die Freiheit des anderen nicht grundsätzlich als Gefahr für die eigene Sicherheit behandelt werden sollte.
Patriarchale Muster transformieren heißt nicht, die Rollen umzukehren
Die Auflösung patriarchaler Beziehungsmuster ist kein Wettbewerb darum, wer künftig mehr Macht besitzt. Sie bedeutet auch nicht, dass Männer ihre Bedürfnisse zurückstellen und Frauen automatisch recht haben.
Es geht darum, die Bedingungen zu verändern, unter denen Macht in Beziehungen entsteht und legitimiert wird.
Männer müssen nicht aufhören, stark zu sein. Sie sollten nicht gezwungen sein, ihre Fähigkeit zu schützen, zu versorgen oder Verantwortung zu übernehmen, abzuwerten. Aber diese Fähigkeiten dürfen nicht an die Voraussetzung gebunden sein, dass die Partnerin abhängig bleibt.
Frauen müssen nicht aufhören, Fürsorge zu leisten oder Unterstützung anzunehmen. Aber Fürsorge sollte nicht der Preis dafür sein, geliebt zu werden, und Unterstützung sollte nicht mit dem Verlust von Selbstbestimmung bezahlt werden.
Beide müssen die Möglichkeit haben, bedürftig zu sein, ohne entmündigt zu werden. Beide müssen Verantwortung übernehmen können, ohne dadurch ein Recht auf Kontrolle zu erwerben. Und beide müssen Nein sagen können, ohne dass die Beziehung sofort zur existenziellen Bedrohung wird.
Das verlangt mehr als eine gerechtere Aufgabenverteilung. Es verlangt eine Auseinandersetzung mit den Ängsten, die hinter den Rollen verborgen liegen.
Die Angst, nicht gebraucht zu werden. Die Angst, verlassen zu werden. Die Angst, nicht zu genügen. Die Angst, Kontrolle abzugeben. Die Angst, allein nicht zurechtzukommen.
Diese Ängste verschwinden nicht automatisch, wenn Konten getrennt oder Care-Arbeit gerechter verteilt werden. Aber eine gerechtere materielle Grundlage kann verhindern, dass sie durch Abhängigkeit, Anpassung oder Kontrolle reguliert werden müssen.
Hier liegt die Verbindung zwischen persönlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Veränderung: Es braucht sowohl die Fähigkeit, die eigenen Beziehungsmuster zu erkennen, als auch die strukturellen Bedingungen, unter denen anders gehandelt werden kann.
Eine andere Form von Liebe
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: eine Beziehung zu führen, in der man einander brauchen darf, ohne einander besitzen zu müssen.
Eine Beziehung, in der Unterstützung kein Machtanspruch ist. In der Geld nicht darüber entscheidet, wessen Bedürfnisse wichtiger sind. In der Fürsorge nicht automatisch Abhängigkeit erzeugt. Und in der beide Menschen die Möglichkeit behalten, sich zu entwickeln, ohne dass jede Veränderung als Verlust der gemeinsamen Ordnung erlebt wird.
Günter Dux beschreibt die Geschichte der Geschlechterverhältnisse als eine Geschichte, in der Macht die Möglichkeiten menschlicher Entfaltung begrenzt hat. Die Aufgabe besteht folglich nicht nur darin, individuelle Konflikte besser zu bewältigen. Sie besteht auch darin, jene Bedingungen zu verändern, unter denen die Entfaltung eines Menschen auf Kosten eines anderen geht.
Schmidbauers Hinweis, dass Kollusionen häufig gesellschaftlich vorgegebene Konfliktmuster ausdrücken, führt genau an diese Schnittstelle: Das, was als ganz persönliches Beziehungsproblem erlebt wird, kann zugleich Teil eines viel größeren gesellschaftlichen Musters sein (Schmidbauer 2022, S. 109).
Die Aufgabe besteht deshalb nicht darin, individuelle Verantwortung gegen gesellschaftliche Bedingungen auszuspielen. Sie besteht darin, beides zusammenzudenken.
Das betrifft Institutionen, Eigentumsverhältnisse, die Arbeitswelt und Vorstellungen von Familie. Es betrifft aber ebenso die alltäglichen Entscheidungen, in denen festgelegt wird, was Menschen einander zutrauen, erlauben und zugestehen.
Vielleicht beginnt die Veränderung tatsächlich in einer einzelnen Beziehung. Nicht, weil die Gesellschaft sich auf die Summe privater Liebesgeschichten reduzieren ließe, sondern weil gesellschaftliche Normen in Beziehungen gelebt, bestätigt und manchmal auch infrage gestellt werden.
Und vielleicht beginnt sie mit einer unbequemen Frage:
Diese Frage ist kein Vorwurf. Sie ist eine Einladung, genauer hinzusehen.
Denn die Qualität einer Beziehung zeigt sich nicht allein darin, wie gut Menschen miteinander auskommen, solange sie aufeinander angewiesen sind.
Sie zeigt sich auch darin, wie sie miteinander umgehen, wenn sie die Freiheit haben, sich füreinander zu entscheiden.
Quellen und weiterführende Literatur
Berne, Eric (1964): Games People Play: The Psychology of Human Relationships. Grove Press. Grundlagenwerk der Transaktionsanalyse über wiederkehrende Interaktionsmuster und psychologische Spiele.
Dux, Günter (2017): Die Spur der Macht im Verhältnis der Geschlechter. Über den Ursprung der Ungleichheit zwischen Frau und Mann. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-17442-2
Karpman, Stephen B. (1968): „Fairy Tales and Script Drama Analysis.“ Transactional Analysis Bulletin, 7(26), 39–43. Ursprüngliche Veröffentlichung des Drama-Dreiecks. https://www.karpmandramatriangle.com/articles.html
Real, Terry (2007): The New Rules of Marriage: What You Need to Know to Make Love Work. Ballantine Books. Real beschäftigt sich mit Beziehungsmustern, Intimität, Verantwortung und der Veränderung erlernter Geschlechterrollen.
Schmidbauer, Wolfgang (2022): Hilflose Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe. 23. Auflage, November 2022. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Das Zitat zu gesellschaftlich vorgegebenen Konfliktmustern (S. 109) sowie die Passage zur patriarchalischen Kollusion beziehen sich auf diese Ausgabe.
Weiterführende Forschung und Berichte
- Breadwinner-Forschung: Bertrand, Marianne; Kamenica, Emir; Pan, Jessica (2015): „Gender Identity and Relative Income within Households.“ Quarterly Journal of Economics, 130(2), 571–614. Die Studie (US-Daten) zeigt, dass die Einkommensverteilung innerhalb von Paaren bei einem Anteil der Frau von 50 Prozent abrupt abfällt. Paare, in denen die Frau mehr verdient, sind laut der Studie weniger zufrieden mit der Ehe, trennen sich häufiger, und die Frau übernimmt mehr Hausarbeit. NBER-Arbeitspapier · DOI
- Schweiz: Berner Fachhochschule: „Die Kosten traditioneller Ehemodelle“ (2025), Studie zu den finanziellen Folgen von Scheidungen für Frauen und Männer. PDF · Bericht dazu: SRF, „Frauen verlieren bei Scheidung 38 Prozent ihres Einkommens“
- Deutschland: „Wenn aus Liebe rote Zahlen werden“, Studie eines Bielefelder Forschungsteams um Hans-Jürgen Andreß im Auftrag des Bundesfamilienministeriums zu den wirtschaftlichen Folgen von Trennung und Scheidung. PDF · Zusammenfassung: Der Standard / APA, „Männer profitieren mehr von einer Ehe“
- Österreich: Berghammer, Caroline; Bordone, Valeria; Karmann, Anna; Wagner, Melanie (2025): „Folgen von Scheidung und Trennung in Österreich“, Präsentation beim ÖGS-Kongress, Vienna Institute of Demography (ÖAW). Vorläufige Ergebnisse. PDF
- Pensionslücke: WIFO (2020): „The gender pension gap in Austria and Europe“. Zur Analyse
- Finanzwissen in Beziehungen: Allianz Vorsorge Index 2026, Schwerpunkt Scheidung und Ruhestand (Branchenstudie einer Versicherung). Pressemitteilung
Anmerkung zur Einordnung
Die Verknüpfung von Kollusion, Transaktionsanalyse, patriarchalen Geschlechterverhältnissen und finanzieller Abhängigkeit ist eine eigenständige Synthese dieses Essays. Die theoretischen Konzepte liefern unterschiedliche Perspektiven und sind nicht als ein einheitliches Erklärungsmodell zu verstehen.